Als Künstlerin, die sich seit mehreren Jahren mit den Phänomenen aus der Arbeits- und die Konsumwelt, Fragen der Gesetzgebung und der Migration auseinandersetzt, bin ich stets mit der Rezeption meiner künstlerischen Praxis unter dem Prädikat der politischen Kunst konfrontiert. Doch was bedeutet diese Zuschreibung genau? Welche Inhalte und Strategien künstlerischer Produktion umfasst der Begriff der politischen Kunst? Kann künstlerische Praxis dann als politisch bezeichnet werden, wenn sie in einem unmittelbaren Zusammenhang mit gewissen politisch-ideologischen Bestrebungen steht? Ist politische Kunst eine ästhetische Praxis, die gesellschaftliche Phänomene aufgreift, um sie auf einer symbolischen Ebene zu verhandeln? Unterscheidet sich politisch motivierte künstlerische Produktion von nicht politischer dadurch, dass sie die eigenen Produktionsbedingungen und den Kontext, in dem sie sich ereignet, reflektiert und so die eigenen Grenzen auslotet? Oder ist politische Kunst vielmehr Kunst, die sich von ihrem ursprünglichen Wirkungsfeld lossagt, um sich in Form direkter Handlungen unmittelbar in den gesellschaftlichen Alltag einzumischen?

Anhand der vielen unterschiedlichen Interpretationsweisen lässt sich diese Frage kaum eindeutig beantworten. Umso mehr reizte es mich, den Versuch einer Annäherung an diesen wagen, sich diskursiv konstituierenden Begriff zu unternehmen. Mein Projekt dreht sich um 9 künstlerische Positionen aus der Schweiz, deren Praxis von der breiten Öffentlichkeit ebenfalls unter dem Begriff der politischen oder auch engagierten, kritischen Kunst rezipiert wird und ähnlich wie meine eigene Arbeit performativ-aktionistisch, zeit- und ortsspezifisch angelegt ist. Das sind: bblackboxx, Andreas Heusser, Atelier für Sonderaufgaben, Heinrich Gartentor, Knowbotiq, !Mediengruppe Bitnik, Navid Tschopp, San Keller und Tim Zulauf.

In den Jahren 2012-2015 führte ich über 80 Gespräche sowohl mit den KünstlerInnen selbst als auch mit ihrem Umfeld. Die Kompetenz des Sprechens über die Werke sollte dabei nicht nur den UrheberInnen und ExpertInnen, sondern allen involvierten AkteurInnen zuerkannt werden. Ausgehend von meiner eigenen künstlerischen Praxis war mir die Schwierigkeit bewusst, Werke, die sich durch eine situative, ephemere, performative Struktur auszeichnen, angemessen zu dokumentieren. Daher war ich überzeugt, dass es mir nur dann gelingen kann, wenn ich die subjektiven Wahrnehmungsperspektiven unterschiedlicher involvierter AkteurInnen, ihre Rezeptions- und Interpretationsweisen gleichermassen berücksichtige.

Wie sollte nun die anschliessende Bearbeitung des gesammelten Materials aussehen? Der im Bereich der künstlerischen Forschung vielfach formulierter Ansatz, ästhetische Strategien nicht nur als Gegenstand der Analyse, sondern gleichzeitig auch als Arbeitsmethode zu begreifen, war mir eine wichtige Referenz. Über die Verschriftlichung und Interpretation der geführten Gespräche und deren anschliessende Zusammenführung zu imaginären Dialogen fand eine erste künstlerische Transformation des Materials statt. Anschliessend wurden die theoretisch relevanten Positionen (Chantal Mouffe und Jacques Rancière) in den entstandenen Textkörper eingebunden. Hierfür verwandelte ich sie in pseudo-reale Comicfiguren (Mantal Chouffe und Racques Jancière), die sich zwar in Form von Text und Zeichnungen erkennbar auf ihre lebenden Vorbilder bezogen, von diesen jedoch signifikant abgewandelt waren und sich ausschliesslich anhand meiner Interpretation ihrer theoretischen Ansätze zu Wort meldeten. Eine derartige Entstellung liess die realen Figuren zwar leicht erkennen, sollte jedoch zugleich die Tatsache ihrer bewussten Fiktionalisierung als Teil des künstlerischen Umgangs mit ihren theoretischen Modellen unterstreichen.

Welche Formen des Denkens und Schreibens über Kunst durch Kunst sind also denkbar, fruchtbar, legitim? Das Projekt Das ungute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Engagierte Kunst aus der Schweiz. erprobt eine bewusst vom akademischen Kanon abweichende, an der Praxis orientierte Reflexion des Diskurses rund um den Begriff der politischen Kunst, die gleichermassen künstlerisch wie analytisch funktioniert und sucht nach Möglichkeiten einer anderen, neuartigen, einer künstlerischen Geschichtsschreibung.


Ein PhD-Projekt von Marina Belobrovaja* über engagierte Kunst aus der Schweiz an der Kunstuniversität Linz

Erstbetreuer: Giaco Schiesser ZHdK, Zweitbetreuerin: Dr.Rachel Mader HSLU