Als Künstlerin, die seit mehreren Jahren gesellschaftliche Machtverhältnisse anhand von Themen wie Migration, ethnische und nationale Zugehörigkeit, Gesetzgebung, Ökopolitik, Arbeits- und Produktionsbedingungen untersucht, bin ich mit der Rezeption meiner künstlerischen Praxis unter dem Begriff der politischen Kunst auch ausserhalb des künstlerischen Feldes, etwa in den Medien, im Bildungsbereich ebenso wie im wissenschaftlichen Kontext, konfrontiert. Was bedeutet diese Zuschreibung genau? Welche Inhalte und Strategien künstlerischer Produktion umfasst der Begriff der politischen Kunst für wen und wann? Anhand der vielen unterschiedlichen Interpretationsweisen lässt sich diese Frage kaum eindeutig beantworten. Umso mehr reizte es mich, den Versuch einer Annäherung an diesen vagen, sich diskursiv konstituierenden Begriff zu unternehmen.

Das Projekt analysiert unterschiedliche Auslegungen des Begriffs der politischen Kunst anhand von neun konkreten Fallbeispielen aus den Jahren 2010–2016 in der Deutschschweiz:


Atelier für Sonderaufgaben,

bblackboxx,

Heinrich Gartentor,

Andreas Heusser,

San Keller,

knowbotiq,

Navid Tschopp,

Tim Zulauf,

!Mediengruppe Bitnik


Die Arbeit geht der Frage nach, anhand welcher Überlegungen den ausgewählten künstlerischen Praxen die Eigenschaft des Politischen zugeschrieben wird. Welche Merkmale führen die neun KünstlerInnen und KünstlerInnen-Kollektive sowie ihr Umfeld (FreundInnen, KritikerInnen, Mitwirkende ihrer Projekte) dazu, bestimmte Haltungen, Prozesse, Vorgehensweisen und Werke als politisch zu begreifen, und in welchen Dispositiven werden diese Charakteristika formuliert? Das Projekt mündet in ein zwischen Analyse und Kunst oszillierendes Artefakt, das sich bewusst um eine produktive Destabilisierung des tradierten Verhältnisses zwischen künstlerischer Praxis, ihrer theoretischen Analyse und ihrer kunstgeschichtlichen Einbettung bemüht.


In den Jahren 2012-2016 führte ich über 70 Gespräche sowohl mit den KünstlerInnen selbst als auch mit ihrem Umfeld. Die Kompetenz des Sprechens über die Werke sollte dabei nicht nur den UrheberInnen, sondern allen involvierten AkteurInnen zuerkannt werden und deren subjektiven Wahrnehmungsperspektiven, Rezeptions- und Interpretationsweisen berücksichtigen. Dem Einbezug weiterer AkteurInnen neben den KünstlerInnen selbst lag nicht zuletzt die Überzeugung zugrunde, dass eine adäquate Reflexion und Dokumentation von Werken, die sich durch eine situative, ephemere,


performative Beschaffenheit auszeichnen, am ehesten dann gewährleistet werden kann, wenn sie die unterschiedlichen Wahrnehmungsperspektiven der involvierten Parteien im Sinne einer geteilten AutorInnenschaft gleichermassen einschliesst.


Die ausgewählten künstlerischen Positionen sollten darüber hinaus nicht nur im Zusammenhang mit ihren Produktionsbedingungen, Rezeptions- und Interpretationsweisen und ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext, sondern auch unter Einbezug meiner eigenen Erwartungen und Erfahrungen als Autorin und Künstlerin beleuchtet werden. Über die Verdichtung der geführten Gespräche und deren Zusammenführung zu imaginären Dialogen fand die anschliessende künstlerische Transformation des gesammelten Materials statt.


Eine weitere Ebene im entstehenden Artefakt rekurriert auf zwei für den Diskurs um das Verhältnis von Politik und Ästhetik relevante Positionen: die der Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe und die des Philosophen Jacques Rancière. Ihr Einbezug wurde jedoch ohne Berücksichtigung der Regeln des wissenschaftlichen Zitierens und Bibliografierens vorgenommen. Zwar orientieren sich die Statements beider an deren realen theoretischen Modellen. Allerdings sind sie von mir unter Bezugnahme auf die ursprünglich den Literatur-

wissenschaften entstammende Fiktionstheorie ‚frei' erfunden. Als imaginäre ProtagonistInnen: Mantal Chouffe und Racques Jancière reflektieren, kommentieren, ergänzen und hinterfragen beide Kunstfiguren die verdichteten Aussagen der befragten Personen. Dabei lässt die vorgenommene Entstellung der TheoretikerInnennamen einerseits die realen Vorbilder hinter den erfundenen Figuren leicht erkennen und unterstreicht andererseits die Tatsache ihrer bewussten künstlerischen Fiktionalisierung und damit auch die Verhandelbarkeit der Überlegungen beider TheoretikerInnen.


Ausgehend von dem eng gesteckten zeitlichen und geografischen Rahmen meines Projektes – Schweiz, 2010–2016 – und den in den letzten Jahren vermehrt stattfindenden Ausstellungen und Veranstaltungen um das Verhältnis von Ästhetik und Politik beabsichtige ich mit dieser Publikation, ein Mapping der unterschiedlichen Definitionen bzw. Konzeptionen des Begriffs der politischen Kunst vorzunehmen und darüber hinaus einen neuen, in der künstlerischen Forschung (artistic research) verankerten Beitrag zu den aktuellen Diskursen um den Begriff der politischen Kunst zu leisten. Die Motivation, diese Analyse explizit im Bereich der künstlerischen Forschung anzusiedeln, ist nicht zuletzt in meinem multipers-

pektivischen Blick auf den schweizerischen Kunstbetrieb als Künstlerin und zugleich als Forschende begründet. Dabei beabsichtige ich, den aktuellen Kunst- ebenso wie den Wissenschaftsbetrieb mit neuen Fragen, Informationen und Einsichten zu beliefern und dabei, so hoffe ich, eine neuartige Form des Denkens und Schreibens über, in und mit Kunst – eine „künstlerische Geschichtsschreibung“ – anzustossen.


Ein PhD-Projekt von Marina Belobrovaja an der Kunstuniversität Linz. Erstbetreuer: Giaco Schiesser ZHdK, Zweitbetreuerin: Dr.Rachel Mader HSLU